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Zum 450. Todestag von Philipp Melanchthon kommt die Bundeskanzlerin nach Wittenberg

Rheinischer Merkur: Die evangelische Kirche will den unterschätzten Freund Luthers bekannter machen

Von Benjamin Lassiwe

Oma passte auf/ sie war zum Glück super drauf./ Sie checkte auf der Stelle:/ Phil war im Kopf sehr helle." So lautet eine Zeile des Melanchthon-Raps, den der Evangelische Rundfunkdienst Baden zum 450.Todestag des Reformators am 19.April produziert und im Internetportal Youtube einem größeren Publikum zugänglich gemacht hat. Bislang freilich ist das mit einem eher holprigen Zeichentrickfilm illustrierte Musikvideo erst von 429 Nutzern angeklickt worden. 

Doch das von der Evangelischen Kirche in Deutschland aus Anlass des runden Sterbejubiläums ins Leben gerufene Melanchthon-Jahr erfreut sich zumindest aus Sicht seiner Initiatoren bester Gesundheit: Eine vierstellige Zahl von Veranstaltungen zur Erinnerung an den Reformator führen die 22 Landeskirchen mit ihren mehr als 15 000 Kirchengemeinden und 24 Millionen Kirchenmitgliedern während des am Reformationstag 2009 in Melanchthons Geburtsort Bretten eröffneten Themenjahres durch, sagte der Bevollmächtigte der EKD in der Lutherstadt Wittenberg, Prälat Stephan Dorgerloh, am Dienstag in Wittenberg. 

Allein auf der offiziellen Webseite des Melanchthonjahres seien rund 200 davon verzeichnet. Ihre Bandbreite umfasst Themenabenden im Gemeindehaus in der Nachbarschaft, Konferenzen in Evangelischen Akademien und die Pflanzung eines Melanchthon-Birnbaums im sächsischen Pegau. 

Höhepunkt des Melanchthon-Jahres wird der kommende Montag, der Sterbetag des Reformators. Dann ist an seinem Grab in der Wittenberger Schlosskirche ein Festgottesdienst zum Gedenken an den Reformator geplant. Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer und der katholische Ökumenebischof Gerhard Ludwig Müller als Vertreter des erkrankten Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. Dorgerloh zufolge dürfen sie sich auf ein gesungenes Evangelium, Textcollagen zu Psalm 23 und dem Leben Melanchthons, eine Begleitung des Gottesdienstes durch die neu gegründete gregorianische Schola der Wittenberger Schlosskirche sowie Schlagwerk und Orgel freuen. Daneben feiert Wittenberg den Gräzisten, Bibelübersetzer und Bildungsreformer Melanchthon durch eine Lange Nacht im Melanchthon-Haus und eine neu gestaltete Ausstellung, bei der eine Gehaltsquittung des Reformators ebenso wie bislang ungezeigte Gemälde und die von Melanchthon verfasste Wittenberger Stadtgeschichte zu sehen sein werden. 

Dabei hoffen die EKD und die Wittenberger Luther-Gedenkstätten auch auf eine internationale Wirkung des Melanchthon-Jahres. Es ist nach den Erinnerungen an Paul Gerhardt, Johann Hinrich Wichern und Johannes Calvin das nunmehr vierte von den Protestanten veranstaltete Themenjahr in Folge. Melanchthon war ein Lehrer Europas, der wie kein anderer der Wittenberger Reformatoren über internationale Kontakte verfügte, sagt der Direktor der Luther-Gedenkstätten, Stefan Rhein. An seinem Mittagstisch erklangen elf verschiedene Sprachen. In Wittenberg sind am kommenden Wochenende Finnisch und Polnisch vernehmbar: Eine Delegation der Lutherischen Kirche Finnlands unter Leitung von Erzbischof Jukka Paarma und der polnisch-orthodoxe Erzbischof Jeremiasz von Warschau und Stettin nehmen an den Feierlichkeiten ebenso teil wie der Präsident der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (Geke), der Schweizer Thomas Wipf. 

Inhaltlich sollen Themenjahr und Festakt dazu beitragen, dass Melanchthon und seine Bedeutung für die Reformation von der Öffentlichkeit wiederentdeckt werden, sagt Dorgerloh. Melanchthon habe lange zu Unrecht im Schatten Luthers gestanden. Nun aber kümmern sich nicht nur badische Rapper um die jüngere Generation. So berichtete Rhein, dass sich Schülertheatergruppen etwa aus Jessen oder Magdeburg intensiv mit dem Reformator beschäftigten. Und weil Melanchthon dialogisch interessiert gewesen sei und das Gespräch gesucht habe, wird es auch am Rande des anstehenden Jubiläums ein ökumenisches Gespräch geben. Melanchthon hat versucht, zwischen den Konfessionen Brücken zu bauen, und hat 1559 sogar einen Brief an das Patriarchat von Konstantinopel geschrieben, um über einen Kontakt mit der Orthodoxie die Kirchenspaltung zu verhindern. 

Doch auch die Rolle Melanchthons als Lehrer Europas ist für die EKD ein wichtiger Antrieb, sich dem klein gewachsenen Wittenberger Gräzisten zu widmen. Nicht umsonst steht das Themenjahr unter dem Motto Reformation und Bildung. Man spürt die Handschrift des ehemaligen Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber, der sich wie kein anderer an der Spitze der EKD vor ihm dafür einsetzte, Kirche auch als Teil der Bildungslandschaft zu begreifen. Denkschriften zur Bildungseinrichtung Kindertagesstätte, zahlreiche Schulneugründungen in Ostdeutschland und nicht zuletzt der in vielen Bundesländern ausgetragene Streit um den Religionsunterricht waren prägend für die Amtszeit des im letzten Jahr in den Ruhestand getretenen Berliner Bischofs. Die Erinnerung an einen Vertreter kirchlicher Bildungsarbeit im 16. Jahrhundert passt da gut ins Bild. 

Am Ende aber bleibt auch das Melanchthon-Jahr ein Geländer auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017, bei der es darum gehe, die inhaltliche Infrastruktur für den 500. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag zu schaffen, wie Dorgerloh sagte. Mit dem Festakt, der neuen Ausstellung im Wittenberger Melanchthon-Haus und mit Veranstaltungen in Kirchengemeinden befindet sich die EKD an dieser Stelle auf einem guten Weg, auch wenn er sicher noch lang und steinig wird.

Zur Person

Wer war Philipp Melanchthon? Wie müssen wir ihn uns vorstellen? Als Theologe schrieb er die erste Systematik der neuen, reformatorischen Theologie.
Wunderkind hat man ihn gerufen und Martin Lutehr nannte ihn mit Vorliebe "den kleinen Griechen".

Spurensuche

Nicht nur in Deutschland hat Melanchthon seine Spuren hinterlassen und Kirche und Gesellschaft geprägt. Tipps und Hinweise für Reisen im Melanchthonjahr.

Bildung und Politik

Melanchthons Einflüsse auf Politik, Gesellschaft und Bildung sind auch heute noch deutlich erkennbar. Dass Gmynasien nach dem "Lehrer Deutschlands" benannt werden, ist da schon fast etwas Alltägliches.


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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 10. August 2016 12:57