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Vermittler in der Reformation

DeutschlandRadio Kultur (Rezension)

Warum es die lutherische Reformation ohne Philipp Melanchthon nicht gegeben hätte, das zeigt der Kirchengeschichtler Martin Greschat in seiner Biografie. Am 19. April jährt sich der 450. Geburtstag Melanchtons. 

Wenn man über die Reformation spricht, fällt irgendwann auch sein Name: Philipp Melanchthon. In diesen Tagen fällt der Name ein bisschen häufiger, am 19. April jährt sich sein Todestag zum 450. Mal. Martin Luther hat ihn einmal als Leisetreter bezeichnet. Warum es die lutherische Reformation ohne Melanchthon nicht gegeben hätte, das zeigt der emeritierte Kirchengeschichtler Martin Greschat in seiner souveränen, kompakten Biografie. 

Philipp Schwartzerd wurde 1497 in eine Bürger- und Handwerkerfamilie im kurpfälzischen Bretten geboren. Seine Liebe zur lateinischen und griechischen Sprache hielt sich das ganze Leben lang. Mit zwölf sprach ihm sein Lehrer, der bekannte Humanist Johannes Reuchlin, die griechische Version seines Namens zu: als Philipp Melanchthon machte der begabte Junge fortan Karriere an verschiedenen Universitäten, bis ihn 1518 der schicksalhafte Ruf nach Wittenberg ereilte. 

1518, als Melanchthon in der kleinen Universitätsstadt ankam, um Griechisch zu unterrichten, trat für einen seiner Kollegen an der theologischen Fakultät die Auseinandersetzung mit dem Papst in eine entscheidende Phase. Martin Luther rang nicht mehr allein für sich mit seinem Gott, sondern vertrat seine theologische Erkenntnis der Rechtfertigung allein durch den Glauben immer selbstbewusster nach außen. Die Zeichen standen auf Sturm, und Philipp Melanchthon, der sich vorher in den obligatorischen theologischen Vorlesungen immer nur gelangweilt hatte, hatte es mitten ins Zentrum des Geschehens verschlagen. 

Martin Greschat zeigt auf, wie sich der eigentlich nur an der Schönheit antiker Tradition und Sprache Interessierte allmählich zum Verfechter der neuen protestantischen Theologie wandelt. Als Freund und Weggefährte neben dem Ungestüm Luthers und doch immer ganz eigen. Wo Luther auf die Wucht seiner persönlichen Überzeugung setzte und damit, oft lustvoll, aneckte, vertraute Melanchthon auf die Schönheit des klaren Gedankens. 

Ein Langweiler oder Erbsenzähler war Melanchthon damit nicht. Sein öffentliches Auftreten war überzeugend, seine theologischen Schriften wurden zum Rückgrat der reformatorischen Bewegung. Philipp Melanchthon war die entscheidende Figur bei den unzähligen Treffen, Kongressen und Reichstagen, auf denen um Kompromisse zwischen Vertretern der päpstlichen Linie und der neuen evangelischen Bewegung genauso wie zwischen den Protestanten untereinander gerungen wurde. 

Melanchthon fragte immer auch aus der Perspektive des Nichttheologen, er nahm Ethik und die Frage nach guten Werken ernst und stellte sein ganzes Leben lang eine gute, solide Bildung über alle noch so inspirierten Eingaben des Glaubens. Martin Luther mag wohl gesagt haben, er könne "so sanft und leise nicht treten", aber er meinte es als Kompliment: Es brauchte wohl einen Vermittler wie Melanchthon, um die auseinanderstrebenden Impulse der reformatorischen Bewegung überhaupt zusammenzufassen und handlungsfähig zu machen. 

Greschats Buch liefert genau das, was der Titel verspricht: ein Porträt Philipp Melanchthons in seiner Zeit. Die Darstellung der oft verworrenen Reformationsgeschichte gewinnt immens durch die ständig durchgehaltene Konzentration auf die Rolle Melanchthons. Und statt des großen Unbekannten zeigt sich ein Vermittler aus Leidenschaft. Greschat zeigt die Triumphe genauso wie die bitteren Niederlagen, und er bemüht sich auch um persönliche Momente: Wenn etwa Melanchthon über Luthers Heirat auf dem Höhepunkt der Bauernkriege sicherheitshalber nur auf griechisch nörgelt. 

Nichts, was Melanchthon bewegte, lässt sich einfach in unsere Zeit übertragen, mit diesem Fazit schließt Greschat sein Porträt. Aber es lohnt sich, Melanchthons Ideal zu wahren: das einer intellektuell verantworteten Theologie, die sich nicht vor aktuellen Herausforderungen scheut. 

Besprochen von Kirsten Dietrich 

Martin Greschat: Philipp Melanchthon - Theologe, Pädagoge und Humanist
Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2010, 208 S., 19,95 Euro

Zur Person

Wer war Philipp Melanchthon? Wie müssen wir ihn uns vorstellen? Als Theologe schrieb er die erste Systematik der neuen, reformatorischen Theologie.
Wunderkind hat man ihn gerufen und Martin Lutehr nannte ihn mit Vorliebe "den kleinen Griechen".

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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 10. August 2016 12:57