Odysee und Lohnsteuerausgleich

Er war ein reicher Geist in einer geistig engen Welt. Aber wusste Philipp Melanchthon wirklich so viel mehr als heute Zizi, die Friseuse?

Einige Gedanken von Hans-Magnus Enzensberger "Über die Ignoranz"

Pascal hat mit sechzehn seine bahnbrechende Arbeit über die Kegelschnitte publiziert; Hugo Grotius promovierte mit fünfzehn; mit zwölf Jahren bezog Melanchthon, der große Melanchthon, die Universität Heidelberg. Und heute? Heute fährt der vierunddreißigjährige Diplom- Volkswirt Bruno G. erst mal noch ein paar Jahre Taxi - er braucht Zeit, um sich darüber klarzuwerden, was er eigentlich machen soll. Seine Freundin Helga denkt an ein Zweitstudium, und Zizi, die Friseuse gelernt hat, will einfach nicht mehr und lebt erst mal von der Stütze. (...)

Ich dagegen versuche mir den jungen Melanchthon vorzustellen. Das ist gar nicht so einfach. (...) Ich frage mich, was hat der Siebenjährige gelernt? Lesen und Schreiben, Latein und Religion, später auch Griechisch und eine Menge Theologie. Viele Passagen aus den Klassikern und aus der Bibel konnte er auswendig. Der Kanon war genau umrissen und leicht überschaubar, ein paar Dutzend Autoren, Dichter, Philosophen und Kirchenväter, dazu ein wenig Fachliteratur, der Rest war eigentlich Schamott, die üblichen giftigen Schmierereien über die Mitwirkung des freien Willens bei der Besserung und über die Gegenwart Christi im Abendmahl. Ein reicher Geist in einer objektiv engen Welt. Der Gesichtskreis beschränkte sich auf Mitteleuropa und Rom, Nachrichten gab es nur vom Hörensagen. Um den Alltag brauchte sich Melanchthon nicht zu kümmern, das war Sache der Frauen und der Dienstboten. Ablenkungen gab es kaum, nur Plagen, Intrigen, Krankheiten. Jeden Morgen begab sich Schwarzerdt an sein Pult. Was er aufschlug, waren immer dieselben Bücher.

Wenn wir nun unsern Blick auf Zizi richten, Zizi, die eigentlich Friseuse gelernt hat, aber weil sie sich mit dem Besitzer des Modern Coiffeur Haarstudios gestritten hat, kriegt sie erst einmal ein halbes Jahr lang ihr Geld vom Arbeitsamt - : Zizi hat jede Menge Zeit, aber sie weiß trotzdem nicht, wo ihr der Kopf steht. Eigentlich müßte sie jetzt ihren Anwalt anrufen, denn da ist noch die Sache mit dem Trinkgeldanteil, den ihr Edi nicht ausbezahlen will. Aber das kann er mit Zizi nicht machen; denn mit dem Arbeitsrecht kennt sie sich aus, da ist sie Expertin. Und dann sollte sie sich auch noch um ihren Lohnsteuer-Ausgleich kümmern. Nur, dazu kann sie sich heute nicht aufraffen. Erst muß sie jedenfalls ihre Zeitschriften durchblättern. Das gewöhnt man sich in einem Friseurladen an. Woche für Woche bringt der Lesezirkel einen ganzen Packen von Illustrierten vorbei, und in den umsatzschwachen Zeiten liest man schon einiges zusammen. So kommt es, daß Zizi über geradezu enzyklopädische Kenntnisse auf verschiedenen Gebieten verfügt. Schauspieler, die sie in "Tatort" gesehen hat, erkennt sie auf der Straße wieder; sie kann ihre wichtigsten Rollen angeben und weiß mehr, als man für möglich halten sollte, über ihre privaten Verhältnisse, ihre gesundheitlichen Probleme und ihre Freizeitbeschäftigungen. Eine noch größere Kennerschaft legt Zizi an den Tag, wenn es um den Film geht. Hier ist sie sogar über die jeweiligen Wohnsitze, Liebesgeschichten und Gagen informiert.

Ich möchte mich jetzt der Frage zuwenden, wer ignoranter ist, Philipp Schwarzerdt, genannt Melanchthon, oder Zizi. Natürlich bilde ich mir nicht ein, daß sich eine solche Frage exakt und schlagend beantworten läßt. Die methodischen Schwierigkeiten liegen auf der Hand. Was die empirische Seite der Angelegenheit betrifft, so müssen wir uns damit abfinden, daß nur eine der beiden Versuchspersonen, nämlich Zizi, für Testzwecke zur Verfügung steht, obwohl ich mir auch bei ihr nicht sicher bin, ob sie bereit wäre, sich von einem x-beliebigen Psychologen in die Mangel nehmen zu lassen und einen Haufen idiotischer Fragebogen auszufüllen. Trotzdem möchte ich zunächst einmal auf den quantitativen Aspekt der Frage eingehen. (...)

Ich möchte die Vermutung riskieren und plausibel machen, daß Zizis Lexikon mindestens so umfangreich ist wie das eines Gelehrten aus dem Humanismus. (...) Sie kommt dabei mit ungefähr tausend Vokabeln aus. Melanchthons Schriften lassen auf einen weit größeren aktiven Wortschatz schließen. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß sich Schwarzerdt schriftlich und mündlich in drei Sprachen ausdrücken konnte, während Zizi nur über rudimentäre Englischkenntnisse und über ein paar aufgeschnappte griechische Redensarten verfügt. Dafür kann sie sich Tausende und Abertausende von Markenartikeln merken, und sie kennt sogar die jeweiligen Reklameslogans so gut, daß sie vor dem Hauptfilm, als nähme sie an einem Rätselwettbewerb teil, die richtigen Firmennamen in den dunklen Saal ruft, noch ehe sie auf der Leinwand erscheinen. Zahllose Namen von Rockgruppen liegen ihr auf der Zunge. Sogar englische Hits kann sie auswendig, eine Gedächtnisleistung, die der Bibelfestigkeit Melanchthons in nichts nachsteht. Auch komplexe Begriffsbildungen stehen ihr zur Verfügung. Sie weiß zwar nicht, was Transsubstantiation bedeutet, aber das nicht weniger abstrakte Lemma Mehrwertsteuer-Rückvergütung ist ihr geläufig. Allein die Film- und Fernsehzeitschriften, die sie liest, versorgen sie mit Informationen in der Größenordnung von mehreren Megabits, die sie gewissenhaft memoriert - ein Speicherinhalt, der einer gründlichen Kenntnis der Kirchenväter quantitativ nahekommen dürfte. (...)

Und dennoch kommen wir um den Stoßseufzer: Arme Zizi! nicht herum. Das hat nicht mit dem Umfang, sondern mit der Organisation ihrer Kenntnisse zu tun. Während sich Melanchthon beim Aufbau seines Wissens auf einen stabilen Kanon verlassen konnte, während ihm von vornherein klar war, was überhaupt wissenswert war und was nicht, so daß er es im Lauf eines dreiundsechzigjährigen Lernprozesses zu einem haltbaren, wohlgeordneten Weltbild bringen konnte, verfügt Zizi, trotz nimmermüder Aneignung, nur über ein buntscheckiges Quodlibet, um nicht zu sagen über einen Müllhaufen, der noch dazu einer ständigen Umschichtung unterliegt. Die Kenntnisse und Fähigkeiten, die sie sich erwirbt, veralten entsetzlich schnell.

Sie hat sich infolgedessen angewöhnt, immer nur ad hoc zu lernen. Sie organisiert ihr Wissen und ihre Fertigkeiten nach dem Rolltreppenprinzip, und damit steht sie natürlich keineswegs allein da. Wer den Unterhaltungen deutscher Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Kultur lauscht, wird zum Beispiel bald feststellen, daß sie nach Thematik, Informationsstand und Wortwahl einem eigentümlichen Sieben-Tage-Zyklus unterworfen sind. Das Material wird am Montagmorgen durch den neuen Spiegel herbeigebaggert und im Lauf der Woche nach und nach abgetragen, bis es auf Nimmerwiedersehen im Papierkorb landet, woraufhin der Lernprozeß, falls dieser Ausdruck überhaupt noch anwendbar ist, von neuem beginnen kann.

Wenn ich noch einmal auf Melanchthon zurückkommen darf - nur ein einziges Mal, dann wollen wir sein Andenken ehren, indem wir ihn in Ruhe lassen - : Ich frage mich, wie sind seine Kenntnisse zustande gekommen? Die Antwort lautet: durch heißes Bemühn. Wissen war zu seiner Zeit eine äußerst knappe Ressource, jede Art von Studium das Privileg einer winzigen Minderheit, der Zugang zu den Informationsquellen schwierig und teuer. Das galt nicht nur für die Schriftgelehrten. Jede qualifizierte Berufsausbildung kostete Lehrgeld und war nur um den Preis jahrelanger unbezahlter Arbeit zu erlangen.

Dagegen sieht sich unsere Friseuse einem lebenslänglichen Trommelfeuer von Informationen ausgesetzt. Schon im zartesten Vorschulalter machten sich die Pädagogen an ihr zu schaffen. Aber was ist ein Curriculum, verglichen mit dem Werbefernsehen! Was ist die Mittlere Reife, verglichen mit dem täglichen Horoskop, der täglichen Gesundheitsberatung, dem täglichen Verbrauchertip! Ich bin sicher, eine einzige Ausgabe der Bild- Zeitung hätte genügt, um Johann Gottfried Herders Denkvermögen wochenlang mattzusetzen. Und trotzdem schafft es Zizi irgendwie, nicht verrückt zu werden. Sie schafft es, indem sie sich, bildlich gesprochen, die Ohren zuhält. Wer ihr das übelnimmt, der begreift nicht, daß es sich um ein Gebot der Selbsterhaltung handelt. Wenn sie auch noch die Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lesen und die Beschlüsse des SPD-Parteitags zur Kenntnis nehmen müßte, würde sie überschnappen. Ohnedies lebt Zizi schon gefährlich nahe an den Grenzen ihrer Kapazität. (...)

Eine letzte Frage. Wie ist es mit der Relevanz? Einmal zugegeben, daß Zizi und Bruno, also wir alle, über geradezu maßlose Kenntnisse verfügen: was haben wir davon? Ich fürchte, diese Erkundigung läßt sich nur mit einer Gegenfrage beantworten. Was hätten (oder haben) wir davon, wenn wir wüßten (oder wissen), was die römische Redekunst dem Cicero verdankt, wann man eine Visitenkarte umknickt, bei welcher Temperatur das Glyzerin siedet und wie die sieben Stauferkönige hießen? Ich habe Grund zu der Vermutung, daß Zizis Kenntnisse, gemessen an ihrer Situation, durchaus funktionell sind. Jedenfalls "kommt sie mit ihnen durch". An ihr liegt es nicht, daß sie ihr Augenmerk eher auf den Mieterschutz richten muß als auf den vollkommenen Ablaß aller zeitlichen und ewigen Sündenstrafen, und daß der Vergleich zwischen Karstadt und Tengelmann ihr mehr sagt als der zwischen Goethe und Schiller. Wer hier den ersten Stein werfen wollte, der liefe Gefahr, sich selber zu treffen. (...)

Aber aus solchen Irrtümern läßt sich ganz und gar nicht schließen, daß es sich bei denen, die weniger als fünfunddreißig Jahre zählen, also bei der absoluten Mehrheit der Bevölkerung, um eine Art von Mutanten handelt. Was sie wissen und was sie ignorieren, ist ebenso sonderbar und monströs wie die Umgebung, in der sie lernen, was sie lernen, und vergessen, was sie vergessen. Wegen ihrer Kompetenz- Kompetenz bracht man sich, glaube ich, keine Sorgen zu machen. Sollten sich die Lebensbedingungen in der Bundesrepublik dergestalt ändern, daß Zizi, Bruno und Helga mit einer soliden klassischen Bildung irgend etwas anfangen könnten - an ihnen würde es gewiß nicht liegen. Ich höre sie schon, wie sie, zur Erleichterung aller, die über die Ignoranz der Jugend klagen, an schönen Herbstabenden statt We don't need no education den ersten Gesang der Odyssee anstimmen.

Auszüge aus: Hans Magnus Enzensberger, "Über die Ignoranz", in: Mittelmaß und Wahn, Frankfurt 1988 (in alter Rechtschreibung)

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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23