Wer war noch mal Ovid?

Altsprachliche Bildung ist wieder voll im Trend. Wieso eigentlich? Ein Besuch in Nürnberg, im ältesten humanistischen Gymnasium Deutschlands

Von Burkhard Weitz

occupare = besetzen, expugnare = erobern, oppugnare = angreifen" hat jemand mit Bleistift auf die Resopalplatte gekritzelt, bestimmt vor einem Lateintest. Es ist Donnerstag, 10.30 Uhr. Die Luft im Raum 20 des Melanchthon-Gymnasiums, Nürnberg, ist stickig. Herr Lohberger läuft durch die Reihen der 11c, ein braungebrannter Altgriechischlehrer mit markantem Schädel. An der Wand hinter ihm die blasse Projektion eines barocken Gemäldes im Sonnenlicht.

"Wie würdet ihr ein Bild von Nausikaa und Odysseus malen?", fragt er in die Runde. Vor ihm 17 Schülerinnen und Schüler. Einer legt seinen Kopf auf den Tisch. Ein Mädchen reicht ihrer Nachbarin etwas aus dem Mäppchen. Schweigen. "Welche Tiere kommen vor?" Laura wühlt in ihrer Tasche. Dann blickt sie auf. "Mulis", sagt sie. - "Die Landschaft ist waldreich. Wie stellt ihr euch die Kleidung der Frauen vor?" - "Spärlich", sagt Maxi. Gelächter. "Es war wohl eher die Arbeitskleidung von Wäscherinnen", korrigiert Lohberger, "und Odysseus?" - "Er liegt am Strand, ist nackt, verwirrt, weiß nicht wo er ist", sagt Laura. "Er hat einen Zweig, um seine Scham zu verbergen", korrigiert Lohberger.

Für Laura Wekerle, 17, ist es heute die vierte Unterrichtsstunde. Erste Stunde ab 8 Uhr war Bio in Raum 109, danach Deutsch in Raum 113. Im Physikraum erklärte Herr Häusler Wellen, Frequenzen und Sinuskurven. Und nun liest Laura aus ihrer Arbeitskopie der griechischen Odyssee vor. "Halt", sagt Lohberger, "aktiv wäre: >Ich regne< - medial: >Ich lasse regnen<. Wie übersetzt man das Passiv?" "Ich bin vom Regen durchnässt", sagt eine Schülerin. - "Und ein Passiv für wehen?" - "Ich bin vom Wind zerzaust." Es ist wohl eine der letzten Griechischstunden in Lauras Leben. Nach den Sommerferien wählt sie das Fach ab - und übersetzt womöglich nie wieder Homer.

Warum Laura ein humanistisches Gymnasium besucht, wo Altgriechisch ein Pflichtfach ist? Weil auch Lauras Freundinnen auf diese Schule gehen wollten. "Neun von 24 Kindern aus meiner Grundschulklasse haben sich damals dafür entschieden." Tatsächlich liegen Griechisch und Latein wieder im Trend. 1997 hatten sich nur 47 Schüler am Melanchthon- Gymnasium angemeldet, so wenig wie kaum je zuvor. Im Jahr darauf waren es 80, seit 2002 kommen jedes Jahr 108 bis 120 neue Fünftklässler. Im Schuljahr 2004/05 verzeichnete auch das Statistische Bundesamt landesweit erstmals mehr Griechisch- und Lateinschüler, trotz sinkender Schülerzahlen.

"Diskothek kommt von Diskos und Tithemi"

Außerdem habe das Melanchthongymnasium einen guten Ruf, sagt Laura. Ihr gefällt, dass die Schule altehrwürdig aussieht. Ein zum Hof mit Efeu bewachsener Jugendstilbau mit repräsentativem Treppenhaus, das älteste Gymnasium Nürnbergs, eines der ersten humanistischen Gymnasien überhaupt. 1526 hielt Philipp Melanchthon die Gründungsrede. Wenn Laura durch das eisenbeschlagene Eichenportal an der Sulzbacher Straße die Schule betritt, passiert sie die Melanchthonbüste links an der Wand. Was den Ausschlag für ihre Entscheidung gab? Die Inforallye!

Inzwischen wirkt Laura selbst am jährlichen Werbungsabend für die Kleinen mit. Der Musiklehrer zeigt Instrumente, der Chemielehrer vermischt farbige Flüssigkeiten, und Laura schreibt die Namen der Kinder auf Griechisch. Und sagt, dass Diskothek von diskos, Scheibe, und von tithemi, setzen-stellen-legen, stamme. Und dass man sich mit Griechisch Wörter wie polyphon (vielfach tönend) selbst herleiten könne.

Die 11c beugt sich noch immer über den sechsten Gesang der Odyssee. Odysseus ist auf einer Insel gestrandet. Er wacht auf, als Dienerinnen der Prinzessin Nausikaa in der Nähe Gewänder waschen. Gleich zeigt sich der Unbekleidete, vom Regen durchnässt, vom Sturm zerzaust, den Damen. "elthein ist ein Infinitiv", sagt Lohberger, "wozu gehört er, Laura?" - "Zu keletai. Es drängt ihn zu kommen."

Elitär sei das humanistische Bildungsideal, es schließe die breiten Massen von höheren Abschlüssen aus, schimpft ein Bildungshistoriker der Berliner Humboldt- Uni. Lauras Eltern sind Zahnärzte. Vor 18 Jahren, kurz vor ihrer Geburt, waren sie aus Rumänien eingewandert und mussten ganz von vorne anfangen. Laura wuchs zweisprachig auf. Im Lateinunterricht (ab Klasse fünf) konnte sie Vokabeln aus dem Rumänischen herleiten.

In der nächsten Stunde ist Englisch dran - beim quirligen, pensionierten Herrn Krause. Englisch hat Laura seit der sechsten Klasse, seit der siebten Altgriechisch, in der neunten wählte sie Französisch dazu. Sie könnte sich auch für Italienisch, Neugriechisch, Türkisch, Spanisch oder Chinesisch entscheiden. Laura wurde die vierte Fremdsprache aber zu viel. Nach einem Jahr hörte sie damit wieder auf.

Beliebt ist die Schule auch wegen ihrer behütenden Atmosphäre. Hier geht es eher wohlerzogen zu. Komasaufen bei Auslandsreisen? Hat es hier noch nicht gegeben. Bei der Griechenlandfahrt des 11. Jahrgangs im Frühjahr standen die Schüler früh um halb sieben auf, zwischen halb acht und halb neun fuhr der Bus ab: Mykene, Delphi, Athen mit Akropolis. Ein Badetag auf der Insel Aegina. Abends gab es Bier und Retsina auf dem Areopag oberhalb der Stadt, aber in Maßen. Und nicht zu lange. Am nächsten Tag war ja wieder Ausflug. Laura hat die Fahrt in bester Erinnerung.

Dann das Schulkonzert vergangene Woche. Alle Klassen brachten sich ein. Laura hatte mit Freunden etwas von Abba einstudiert, "Thank you for the music". Acht Wochen proben, fünf Stimmen zusammenkriegen. So viel Aufwand und Aufregung für ein paar Minuten Auftritt! "Geht ins Orchester und in den Chor! So ein Erlebnis bekommt ihr so schnell nicht wieder", hatte Schuldirektor Otto Beyerlein zu Konzertbeginn geworben. Bei anderer Gelegenheit könnte er sagen: "Lernt die alten Sprachen. Die Chance dazu kriegt ihr im Leben nie wieder."

Am Tag nach dem Konzert kamen ältere Herren zu Besuch. Abiturienten des Nachkriegsjahres 1959, als Huflattich auf den Trümmern der Egidienkirche wuchs. Und als die ausgebombte Oberrealschule in einem der Gebäudeflügel einquartiert war. "Es ist so still hier", sagte ein goldener Abiturient bei der Ankunft, "früher herrschte hier eine drangvolle Enge." Der stellvertretende Rektor empfing die Herren und ihre Frauen, man tauschte  Erinnerungen aus, dann kamen Schüler der Klasse 11c zum Gespräch, zuletzt gab es einen Imbiss.

Beim Gespräch mit den Schülern sollte Laura eine Frage stellen. "Hatten Sie ein Orchester und einen Chor?", fragte sie - "Klar", sagte ein Herr, "damals haben wir sogar einen Wettbewerb in Detmold gewonnen, unter den besten Schulen Deutschlands." Ob es nicht besser gewesen wäre, Französisch statt Altgriechisch zu lernen, fragte ein anderer Schüler. Ein Herr gestand, er beneide seine Kinder um ihre neusprachlichen Kenntnisse. Ein zweiter behauptete, bei IBM hätten sie früher am liebsten Leute mit griechischem Abi eingestellt. Ein dritter sagte, das humanistische Gymnasium biete nicht Ausbildung, sondern Bildung. Griechisch zu lernen sei ein Luxus, den man sich leisten solle.

Roland Süß, auch Jubilar, hatte bei Melanchthons Rede nachgeschlagen, der von 1526 zur Eröffnung des ersten Gymnasiums in Nürnberg, damals im Kloster neben der Egidienkirche: Bollwerke oder Mauern seien keine zuverlässigeren Schutzwälle als eine gut ausgebildete Jugend, stehe da. Wobei Melanchthon selbstverständlich an die altsprachliche Bildung gedacht habe.

Fragt man Laura, ob sie auf der Schule so etwas wie Persönlichkeitsbildung erlebe, sagt sie vorsichtig: "Ich glaube schon, dass wir anders sind als die von den naturwissenschaftlichen Gymnasien. Bei uns gibt es keine Schlägereien, die sind verpönt. Und man grüßt Lehrer. An anderen Schulen heißt es dann: du Schleimer."

Süß ist skeptischer. "Diese Persönlichkeitsbildung führt nicht zwangsläufig dazu, dass ich ein zivilisierter Mensch werde", sagte er beim Imbiss. "Melanchthons humanistisches Bildungsideal ist im Dritten Reich gescheitert", ergänzte sein früherer Klassenkamerad Gerhard Lippert, "humanistisch Gebildete waren so wenig gegen den Nationalsozialismus gefeit wie andere auch." Trotzdem hält er das Studium der alten Sprachen für wichtig. Es führe an die Wurzeln unseres Denkens. "Die Kunstfigur des Odysseus stellt die Geburt des abendländischen Menschen dar. Er wird in der Welt seiner Zeit geboren, einer Welt voller Mythen, aber er bewegt sich selbstbewusst im Konflikt mit übermächtigen Göttern - sterblich zwar, aber nicht den Schicksalsmächten unterworfen."

"Salvete Discipuli! - Salve Magistra!"

Von wegen, schimpft ein Blogger unter dem Namen H. Wiedow auf www.artikel-online.de. Die humanistische Erziehung stelle "nicht das dringend benötigte Begriffsinstrumentarium zur Analyse von Mensch und Gesellschaft zur Verfügung, sondern neben spekulativen Allgemeinplätzen aus Religion und Philosophie allenfalls vordergründiges Lexikonwissen, das sich als Statusnachweis eignet".

Von wegen, sagt auch Martin Leitner, Geschäftsführer des HIS (Hochschul-Informations- System) in einem Interview. Die Art, wie das Bildungsbürgertum unsere Vorstellung von Bildung bestimme, führe dazu, dass junge Menschen ihre Möglichkeiten später im Berufsleben nicht nutzen und schlecht bezahlten Geisteswissenschaften nachgehen, statt gut bezahlten technischen Berufen.

Auf dem asphaltierten Schulhof stoppt ein schnauzbärtiger Sportlehrer im Trainingsanzug die 60-Meter-Sprints. Ein Schüler gibt das Startsignal mit zwei Hölzern. Tack! Der Knall der Stäbe dringt durch die offenen Fenster der Lateinklasse im Obergeschoss. Sechste Stunde, für heute die letzte! Lauras Lieblingslehrerin, Frau Altmann, hat den Raum betreten. Christoph hat sie nicht bemerkt, Adrian kramt noch in seiner Jackentasche. Die zierliche Frau verschwindet fast in der Menge, während sich die Schüler von ihren Stühlen hochquälen. "Salvete discipuli", sagt sie. "Salve magistra", rufen die 16- und 17-Jährigen.

Latein biete eine gute Grundlage für andere romanische Sprachen, glauben viele. Falsch, wies die Bildungsforscherin Elisabeth Stern in einem Test mit Latein- und Französischschülern nach. Den Neusprachlern fiel es sogar etwas leichter, einen spanischen Text zu erfassen. - Latein sei gut für das logische Denken, glauben viele. Auch falsch, fand Stern heraus. Lateinschülern, die sie testete, fiel buchstabengetreues Lesen zwar leichter. Aber wenn sie sich etwas räumlich vorstellen, Satzkonstruktionen erfassen und inhaltsgetreu lesen sollten, schnitten neusprachliche Schüler ebenso gut ab. "Man sollte die Zeit lieber für naturwissenschaftliche Bildung nutzen", plädiert Stern. - Was sie Grundschülern rät, die vor der Entscheidung stehen, ob sie auf ein alt- oder ein neusprachliches Gymnasium gehen sollen? "Manchmal sind altsprachliche Gymnasien einfach die besseren Schulen", sagt Stern, "nicht wegen Latein, sondern weil sich die besseren Schüler für die humanistische Bildung entscheiden." Die habe in Deutschland noch immer einen guten Ruf.

Frau Altmann projiziert ein Gedicht an die Wand. Laura erkennt: "Das ist von Ovid." Was die Schüler über Ovid gelernt haben? "Er bekam Kaiser Augustus zum Feind und wurde verbannt", sagt Maxi. "Er hat für One-Night-Stands und Liebesheirat plädiert, Augustus wollte ständische Ehen", sagt Jonas. "Augustus hatte Angst vorm Sittenverfall", sagt Laura.

"Wir haben Ovid gelesen, der mit seinen Liebesgedichten den Ärger von Augustus auf sich zog", sagt Altmann gegen Ende der Stunde. "Und Tacitus, der die Tugend der Germanen anpreist. Nächstes Mal lesen wir Sueton, der etwa zur selben Zeit wie Tacitus lebte." - "Mir gefällt, wie Frau Altmann Verbindungen herstellt", sagt Laura nach Schulschluss. "Da kann man sich alles viel besser merken. " Nach den Ferien wählt sie Latein als Leistungskurs.

"Gemeinsame Europäische Wurzeln"

"Zukunft braucht Herkunft", steht auf einem Sticker an der Bürotür des stellvertretenden Schulleiters Hermann Lind. Stapelweise Akten und Papier bedecken seinen Schreibtisch, gleich muss er raus, siebte Stunde, Griechisch-Leistungskurs. Eine Hinführung zu Philosophie und Literatur sei sein Fach, auch wenn die Schüler die Sprache später vergessen. Und wer die griechischen Philosophen im Original lese, spüre, wie hier die Gedanken noch ganz frisch seien, ganz in ihren Anfängen. "Die gemeinsamen Wurzeln können uns im zusammenwachsenden Europa miteinander verbinden", sagt Lind. "Das begeistert mich."

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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23