"Man meint, er wär ein Knab"

Äußerlich war er keine beeindruckende Erscheinung. Ein Winzling, eins fünfzig groß. Im Sturm erobert er mit einem Vortrag die akademische Welt. Seine Ehe geht er nur widerwillig ein, am Ende werden die Enkel seine einzige Freude sein. Über die private Seite eines Mannes, der so lebte, wie er lehrte.

Von Stefan Rhein

Als er starb, wurde er neben Luther in der Schlosskirche zu Wittenberg beigesetzt - gleichberechtigt, nur sie beide. Als ihm zum 300. Todestag 1860 das erste Denkmal gesetzt werden sollte, auf dem Wittenberger Marktplatz neben Martin Luther, war das schon umstritten: "Versündigung an Luthers Größe" - so eiferten die Kritiker. Beide Reformatoren Seit an Seit: das war die Wirklichkeit des 16. Jahrhunderts und ist heute nur noch weit entfernte, ungewusste Vergangenheit.

Geboren wird Melanchthon am 16. Februar 1497 in Bretten, im heutigen Kraichgau, in der Kurpfalz. Er wächst im Hause des Großvaters auf, eines geachteten Kaufmanns und Bürgermeisters. Sein Vater ist am Heidelberger Hof tätig, als Waffenschmied, als Leiter der kurfürstlichen Waffenkammer. Nach dem damaligen Landesherrn nennt er seinen ältesten Sohn Philipp. Offensichtlich entstammt er einer gebildeten Familie, denn auch der jüngere Bruder Georg ist literarisch tätig und erinnert in seiner "Brettener Reimchronik" zum Jahr 1560 an seinen berühmten Bruder:

"Der weitberühmt und hochgelehrt
Philipp Melanchthon, zu teutsch Schwarzerdt,
mein lieber bruder, dem Gott gnadt,
sein letsten tag geendet hat
zu Wittenberg in Saxenlandt.
Sein nam war aller welt bekannt,
Brettheim sein vaterland ist gewesen,
da er gelernt schreiben und lesen,
hat gelebt drey und sechzig jahr
biß er, wie vorsteet, tots verfahr
im monat Aprilis den 19. tag,
des war bei den gelehrten grose klag."

Die bedrückendste Erfahrung der Kindheit ist die Krankheit des Vaters, der bei einem Feldzug aus einem vergifteten Brunnen getrunken hatte und vier Jahre lang dahinsiechte. Kurz vor seinem Tod verabschiedet er sich von seinem elfjährigen Ältesten: "Dir aber gebiete ich, mein Sohn, fürchte Gott und führe ein ehrbares Leben. " Melanchthon wird später immer wieder vor Krieg warnen und sieht voller Sorge die konfessionellen Bürgerkriege aufziehen. Seine Friedfertigkeit hat gewiss auch in dieser biografischen Katastrophe der Halbwaise ihren Grund.

Nach dem Tod des Vaters verlässt Philipp seine Heimatstadt Bretten und wird im nahen Pforzheim Lateinschüler - und wird "Melanchthon": Er spielt in einem lateinischen Theaterstück die Hauptrolle. Zum Vergnügen des Großonkels Johannes Reuchlin, der aus dem kleinen "Schwarzerdt" durch die Übertragung des Namens ins Griechische "Melan-chthon" ("schwarze Erde") macht, eine Art Humanistentaufe, das Entree in die Welt der Gelehrsamkeit. Heidelberg und Tübingen sind die Universitätsstationen des begabten Studenten, der sich bereits mit 21 Jahren Professor für Griechisch nennen darf, 1518 der Erste seines Faches an der Universität Wittenberg. Diese junge, erst 1502 gegründete Universität öffnete sich von Beginn an modernen Lehrinhalten und etablierte rasch das humanistische Curriculum.

Der junge Professor aus dem Süden ist auf den ersten Blick keine beeindruckende Erscheinung. "Vermeintest, er wäre ein Knab gewesen", schreibt ein Student, fügt aber sogleich hinzu, "von Geist aber ein Ries." Der große Geist im kleinen Körper: Bewunderung befällt die Zeitgenossen, wenn sie den circa 1,50 Meter großen Mann sprechen hören, die beeindruckende Breite des Wissens, die Präzision des Denkens, die Klarheit der Sprache. Schon seine Antrittsvorlesung nur drei Tage nach der Ankunft in Wittenberg begeistert die Zuhörer, unter ihnen Martin Luther. "Über die Verbesserung der Studien" - so lautet der selbstbewusste Titel der Rede, in der Melanchthon sein Programm, antike Schriften und biblische Bücher im Original zu behandeln, vorstellt. Er wird seine gesamte akademische Lehrtätigkeit hindurch mit einem stupenden Fleiß eine fast schon furchteinflößende Fülle an Inhalten in seinen Vorlesungen behandeln.

Ab 1525 besitzt Melanchthon einen Sonderstatus an der Universität, lehrt in der Philosophischen wie auch in der Theologischen Fakultät, jeden Tag Vorlesung um sieben Uhr morgens mit einem Themenspektrum, das von lateinischer und griechischer Grammatik, Rhetorik, Logik und einer Vielzahl antiker Autoren über naturforscherliche Fächer wie Astronomie, Physik, Seelenlehre bis hin zur Exegese der Bibel reicht. Ein Universalgelehrter, dessen OEuvre Hunderte von Büchern, Schriften und Reden umfasst, das übrigens bis heute noch nicht vollständig zusammengestellt wurde.

Wer diesen Berg an gedrucktem Wissen betrachtet, könnte in dem Autor einen trockenen Stubengelehrten vermuten. Doch Melanchthons Alltag ist weitaus vielfältiger. Da Luther in kaiserlicher Acht und päpstlichem Bann steht, darf er das sächsische Herrschaftsgebiet nicht verlassen, so dass Melanchthon zum "Außenminister der Reformation" avanciert.

Im historischen Gedächtnis konzentriert sich der Augsburger Reichstag auf den 25. Juni 1530, auf den Tag der Verlesung der "Confessio Augustana". Doch Melanchthon hält sich fast fünf Monate in Augsburg auf, eine Zeit voller Verhandlungen, Abstimmungsgesprächen und des Schreibens des bis heute wirkmächtigsten evangelischen Bekenntnisses.

Ein Drittel seines Lebens ist Melanchthon fern von seinem Wittenberger Schreibtisch, auf Reisen zu Reichstagen und Religionsgesprächen, auf Visitationen in Kirchgemeinden und Schulen. Eine Reise führt ihn 1526 beispielsweise nach Nürnberg, wo er das erste (humanistische) Gymnasium in Deutschland eröffnet, nachdem er zuvor für diese "obere Schule" einen Lehrplan mit den Kernfächern Latein, Griechisch, Rhetorik und Mathematik verfasste.

Nicht nur für diese Schule sind aus Melanchthons Feder die Lehrpläne überliefert, in denen er etwa genaue Themenund Lektürevorschläge für den ersten, zweiten und dritten "hauffen" vorlegt. Für viele Schulen empfiehlt Melanchthon außerdem oft auf Bitten der Städte die passenden Lehrer, so dass wir heute noch unzählige Empfehlungsschreiben Melanchthons kennen: auf Lehrer-, Pfarrer-, Kantoren- und Verwaltungsstellen. Melanchthons oft zitierter Ehrentitel "Lehrer Deutschlands" umfasst vieles: seine Schulbücher, die in hoher Auflage gedruckt und an vielen Schulen und Universitäten benutzt wurden, seine Schul- und Universitätsordnungen mit ihren Lehrplänen und seine Schüler, die die Methodik und Inhalte ihres Lehrers in ganz Europa verbreiteten. Übrigens nicht nur im protestantischen Deutschland und Europa: Viele katholische Leser haben bei Werken Melanchthons das Titelblatt herausgerissen, um damit den Autorennamen zu entfernen, oder haben neben seinen Namen ein Teufelchen gemalt: Autor ein Ketzer, aber das Buch ist trotzdem lesenswert.

Den leidenschaftlichen Lehrer und Pädagogen Melanchthon zeigt vielleicht am eindrucksvollsten seine Hausschule, seine "schola domestica". Bald nach seiner Ankunft in Wittenberg nimmt Melanchthon Studenten bei sich auf, da die Wohnungsnot durch den zunehmenden Erfolg der Universität immer drängender wird. Die Universität Wittenberg ist dank des Wirkens Luthers und Melanchthons im 16. Jahrhundert die meistbesuchte deutsche Universität. Mit diesen Hausschülern lebt Melanchthon eng zusammen. Er führt mit ihnen Theaterstücke auf (und wird dadurch zum Begründer des Studententheaters in Wittenberg), veranstaltet dichterische Wettkämpfe und bemüht sich um ihre Stipendien. Zu jedem Tagesabschnitt - vom Aufstehen über das Mittagessen bis hin zur Nachtruhe - schreibt er für sie lateinische Ge-bete und gestaltet auch dadurch den Alltag in humanistisch-reformatorischer Weise. Von keinem Reformator sind übrigens mehr Gebete erhalten als von Melanchthon, der in fast all seine Reden und Briefe Gebete - sei es in Prosa oder in Versen - einflicht. Der heute allzu oft als Dogmatiker abgestempelte Melanchthon ist ein frommer Mann, dessen eigener Tag mit einer persönlichen Morgenandacht beginnt. Meist steht er sehr früh auf, spätestens um vier Uhr. Er leidet an Schlaflosigkeit.

Betend ist er auch gestorben, wie die Anwesenden berichteten. Die Kraft des Gebetes bringt er etwa in einer Vorlesung um das Jahr 1555 seinen Zuhörern nahe: "Das weiß ich: Sooft ich mit Ernst gebetet habe, bin ich gewiss erhört worden und habe mehr erlangt, als ich erbeten habe. Unser Herrgott hat wohl bisweilen gewartet, aber letztlich dennoch erhört. Psalm 55, 23: >Wirf dein Anliegen auf den Herrn; der wird dich versorgen.< Ach, wer das Werfen gut lernen würde, der würde erfahren, dass es gewiss so ist. Wer dieses Werfen aber nicht lernt, der bleibt ein verworfener, ein unterworfener und umgeworfener Mensch."

Melanchthons Haus ist nicht nur Heimstatt für die Hausschüler, sondern wird auch von vielen Gästen aufgesucht, die den weithin berühmten Gelehrten erleben wollen. Elf verschiedene Sprachen seien heute an seinem Tisch erklungen, teilt Melanchthon in einem Brief mit. Manche Hausgäste quartieren sich monatelang ein, etwa der aus Serbien stammende Demetrius, mit dem Melanchthon das Augsburgische Bekenntnis ins Griechische übersetzt. "Freigebigkeit", so charakterisiert Joachim Camerarius seinen engen Freund und erzählt ein wenig fassungslos als Beweis die Geschichte, dass ein französischer Gast Melanchthons Münz- und Medaillensammlung bewundert und auf Einladung des Hausherrn, sich eine Münze auszusuchen, gesagt habe: Alle! - und tatsächlich auch die gesamte Sammlung bekommen habe.

Melanchthons Wittenberg ist eine Provinzstadt "am Rande der Zivilisation" mit rund 4000 Einwohnern und zugleich eine internationale Universitätsstadt mit über 2000 Studenten. Vor allem aus Skandinavien und aus Ungarn strömen die Studenten nach Wittenberg, "weil sie vom Ruf seines Namens angelockt wurden", wie der Tübinger Theologieprofessor Jakob Heerbrand 1560 in einer Trauerrede auf Melanchthon hervorhebt.

Melanchthon heiratet 1521, oder sollte man besser sagen, wird verheiratet, da Luther mit der Wittenbergerin Katharina Krapp die künftige Frau aussucht, um seinen jungen und sich gegen den neuen Stand sträubenden Kollegen besser versorgt zu wissen. Vier Kinder werden geboren, der Sohn Georg stirbt bereits mit fast drei Jahren ("Welchen Schmerz ich durch den Verlust erlitten habe, kann ich mit Worten nicht ausdrücken").

Die älteste Tochter Anna, ein besonderer Liebling des Vaters, heiratet mit 14 Jahren und stirbt als Mutter von sechs Kindern bereits mit 24 Jahren, nach einem Ehemartyrium, das Melanchthon in die tiefste Verzweiflung seines Lebens stürzt, da er ihr zur Heirat mit dem ehrgeizigen Dichter Georg Sabinus geraten hatte. Sohn Philipp ist offensichtlich eher ein Sorgenkind, zumal sein heimliches Verlöbnis im Alter von 18 Jahren mit einer Leipzigerin ein öffentlicher Skandal wird, da auch Luther von der Kanzel gegen das von den Eltern nicht gebilligte Eheversprechen wettert. Die jüngere Tochter Magdalene lebt mit Mann und Kindern in einem eigenen Haus auf dem elterlichen Grundstück und besorgt nach dem Tod der Mutter den Haushalt des Vaters.

1557 stirbt Frau Melanchthon, betrauert von ihrem Mann, der von der Sehnsucht nach der Frau, die "für die gesamte Familie sorgte, die Kinder erzog, die Kranken heilte, durch ihre Worte mein Leid linderte und den kleinen Kindern Gebete lehrte", in Briefen berichtet ("Deshalb vermisse ich sie jetzt in vielen Dingen").

Melanchthons letzte Jahre sind verdüstert: durch die Erfahrung der konfessionellen Spaltung (bis hin zum ersten konfessionellen Bürgerkrieg), durch die zermürbenden Streitigkeiten im eigenen Lager um das richtige "Luthertum" und durch private Schicksalsschläge. Etwas mildert die Freude an den Enkeln sein hartes Los. Die Kinder spielen nicht selten im Arbeitszimmer des berühmten Großvaters. Wenige Tage vor seinem Tod bereitet sich Melanchthon auf das Sterben vor, auch jetzt noch der klar strukturierte Intellektuelle, der dem Tod wach und voller Gottvertrauen entgegensieht:

Du wirst von der Sünde loskommen.
Du wirst von der Trübsal befreit
und von der Wut der Theologen.
Du wirst zum Licht gelangen.
Du wirst Gott sehen.
Du wirst den Sohn Gottes schauen.
Du wirst die wunderbaren Geheimnisse
erfahren, die du in diesem Leben
nicht begreifen konntest, nämlich warum
wir so, wie wir sind, geschaffen
wurden und wie die beiden Naturen
[die göttliche und die menschliche]
in Christus miteinander verbunden sind.
Zur Person

Wer war Philipp Melanchthon? Wie müssen wir ihn uns vorstellen? Als Theologe schrieb er die erste Systematik der neuen, reformatorischen Theologie.
Wunderkind hat man ihn gerufen und Martin Lutehr nannte ihn mit Vorliebe "den kleinen Griechen".

Spurensuche

Nicht nur in Deutschland hat Melanchthon seine Spuren hinterlassen und Kirche und Gesellschaft geprägt. Tipps und Hinweise für Reisen im Melanchthonjahr.

Confessio Augustana

Confessio Augustana, so nennen Fachleute das Augsburger Bekenntnis, das in jedem Kirchengesangbuch abgedruckt ist. In ihm legte Melanchthon den evangelischen Glauben 1530 vor dem Reichstag zu Augsburg dar. Nur: Versteht jemand diese Erklärung heute noch?

Bildung und Politik

Melanchthons Einflüsse auf Politik, Gesellschaft und Bildung sind auch heute noch deutlich erkennbar. Dass Gmynasien nach dem "Lehrer Deutschlands" benannt werden, ist da schon fast etwas Alltägliches.


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Publikationsdatum dieser Seite: 2017-07-18