Bretten

Reisetipps fürs Melanchthon-Jahr

Die Stadt im Kraichgau vor dem 450. Todestag ihres berühmtesten Sohnes - ein Besuch im Melanchthonhaus

Herr Frank rüttelt am Knauf. Die Tür mit den Butzenglasscheiben bewegt sich nicht. Er zieht einen Sicherheitsschlüssel aus der Tasche. - Und die Alarmanlage? "Die ist tagsüber ausgeschaltet", sagt Frank. Frank streckt seinen Kopf über die Steinballustrade und schaut auf den Marktplatz. Mit dieser Aussicht ist er also aufgewachsen: Philipp Melanchthon, Sohn des Rüstmeisters und Waffenschmieds Georg Schwartzerd im kurpfälzischen Städtchen Bretten. Nur dass dort, wo die Restaurants ihre Stühle und Tische aufs Kopfsteinpflaster stellen, früher Händler ihre Waren anpriesen.

Seit elf Jahren ist Günter Frank Ausstellungs- und Akademieleiter im Melanchthonhaus gleich neben dem alten Rathaus. Der wilhelminische Bau mit der wuchtigen neogotischen Giebelwand steht genau da, wo der Humanist und Reformator Melanchthon (1497-1560), Martin Luthers wichtigster Mitstreiter, aufwuchs. "Als Kind sah er jeden Tag die orientalischen Gewürze und Tücher, die es damals dort zu kaufen gab", sagt Frank und zeigt nach unten. "Das hat in ihm die Sehnsucht nach der weiten Welt geweckt. Und die Lust auf fremde Sprachen."

Mit zwölf Jahren dichtete Melanchthon lateinische Verse. Mit 21 schrieb er eine Grammatik des Altgriechischen - es wurde ein Standardwerk. Gleich danach begeisterte er die akademische Welt für eine umfassende Universitätsreform. In 42 weiteren Lebensjahren half er bei zahlreichen Schul- und Universitätsgründungen, schrieb Gutachten, reiste und pflegte Briefkontakte in 121 europäische Städte.

Nun wird die Stadt im fruchtbaren Kraichgau zwischen Odenwald und Schwarzwald für den 450. Todestag ihres berühmtesten Sohnes zurechtgemacht. Die Melanchthonstraße vom Zentrum zum Bahnhof wird saniert. Neben ihrem Melanchthonhaus lässt die Stadt ein zusätzliches Gebäude errichten - für die Melanchthonakademie. Und das Melanchthoncafé am Markt preist Melanchthontorten und -pralinen an.

Fachwerkhäuser säumen den Platz um den alten Marktbrunnen. Stolz dokumentieren Hausbesitzer deren hohes Alter mit goldenen Zahlen im Gebälk. Im Hotel Krone schräg gegenüber soll Kaiser Karl V. 1550 übernachtet haben. Der Gasthof von heute wurde allerdings erst kurz vorm Zweiten Weltkrieg erbaut, wenn auch im alten Stil. "1699" steht auf dem Haus mit dem Käseladen. Ein älteres Entstehungsdatum findet sich nirgends am Markt. Kein Wunder, zehn Jahre zuvor hatte ein französischer General die ganze Stadt abfackeln lassen. Auch Melanchthons Geburtshaus brannte damals bis auf die Grundmauern nieder. Bis heute erhalten ist nur ein Gerberhaus von 1585 weiter unten, bei den Resten der alten Stadtmauer.

Günter Frank schließt die Tür mit dem Butzenglas wieder zu und zeigt auf die Holzkassetten, mit denen die Zimmerdecke innen getäfelt ist. "121 Städtewappen", sagt er, "eines für jede Stadt, mit der Melanchthon in Kontakt stand". An den Wänden meterweise Regalschränke. Metallgitter schützen die alten Ausgaben. Etliche von ihnen sind Erstausgaben aus Philipp Melanchthons Feder.

Weltoffen war dieser Mensch, ein freier Geist, ein Mann des Ausgleichs zwischen Konfessionen und Religionen. Dass heute ein katholischer Theologe sein Erbe in Bretten verwaltet, hätte Melanchthon bestimmt gefreut. Günter Frank, geboren 1956, war zunächst Kaplan in Erfurt. Später ließ er sich von Priesterweihe und Zölibat entbinden - wegen seiner Liebe zu einer Frau. Dann forschte er darüber, wie sich Vernunft und Religion einander zuordnen lassen. Und stieß auf Melanchthons Werk.

Vom "Fürstenzimmer" auf der Südseite des Stockwerks aus blickt man auf die Stiftskirche: Melanchthons Taufkirche. In ihrem Innern sind nur einzelne gotische Bögen erhalten, der Rest liegt unter weißem Putz. Einige Jahrhunderte diente sie Protestanten und Katholiken als Gotteshaus. In der Mitte des Fürstenzimmers liegen Briefe in Vitrinen aus, und Bücher mit handschriftlichen Notizen. Zum Beispiel ein Geschenk des Humanisten Johannes Reuchlin, eine griechische Grammatik mit Widmung: "Diese griechische Grammatik hat zum Geschenk gemacht Johannes Reuchlin aus Pforzheim, Doktor der Rechte, dem Philipp Melanchthon aus Bretten, im Jahr 1509 an den Iden des März." Da war er bereits anderthalb Jahre Halbwaise und hatte seine Heimatstadt verlassen.

1504 hatten die feindlichen Württemberger die Stadt belagert, um sie auszuhungern. Der Legende zufolge vertrieben die Brettener Bürger ihre Gegner mit einem Trick. Sie fütterten einen Mops, bis er dick war, und trieben ihn vors Stadttor. Als die Belagerer glaubten, in Bretten hätten selbst die Hunde reichlich zu essen, zogen sie frustriert ab. Bis heute feiern die Brettener ihren Triumph jeden Sommer am Wochenende nach Peter und Paul (dem 29. Juni) mit einem Mittelalterfest. Georg Schwartzerd, Philipps Vater, hatte während der Belagerung aus einem Brunnen mit giftigem Wasser getrunken. Drei Jahre vegetierte er schwerkrank dahin, dann starb er. Philipp besuchte fortan die Lateinschule in Pforzheim, später die Universitäten in Heidelberg und Tübingen, bis er schließlich zu Luther nach Wittenberg kam.

Der Stadt seiner Kindheit blieb der Humanist und Reformator bis ins Alter verbunden. Im Erdgeschoss des Melanchthonhauses, in der "Gedächtnishalle", weist Günter Frank auf ein historistisches Wandgemälde. Es zeigt, wie Melanchthon beim Anblick von Bretten von seinem Pferd abgesprungen ist, kniet und betet. Schräg daneben ist ein Melanchthonzitat in eine Schautafel graviert. "Es kann zum Fehler werden, wenn man den Ort seiner Geburt mehr als andere Örter liebt", liest Frank die Worte des Reformators vor und kommentiert: "Da kämpft er mit seiner Vernunft gegen das Gefühl an." Frank fährt fort: "Aber süß ist es mir immer, wenn ich jemanden aus jener Gegend sehe und höre, so bin ich so innig vergnügt, als ob ich in meine Kindheit zurückkehrte."

Draußen schlägt die Stiftskirche 12 Uhr 30. Vorm Melanchthongymnasium drängen sich die Schüler an der Bushaltestelle. Hinter ihnen, inmitten eines Tulpenbeets, ragt eine Statue in den Himmel: ein Mann im Gelehrtenrock. In seiner Hand hält er ein aufgerolltes Blatt, an das irgendein Scherzbold eine Strickmütze geknotet hat. Gütig schaut der Alte über die Schülermenge, über das gegenüberliegende Pekingrestaurant und den Schulneubau hinweg. Ebenso über den breitschultrigen blonden Jungen, der eng umschlungen mit seiner zierlichen afrodeutschen Freundin in Richtung Marktplatz läuft. Und am älteren türkischen Herrn vorbei, der mit einer hölzernen Gebetskette in der Hand den Promenadenweg hinaufschreitet. Über sein hageres Gesicht breitet sich ein freundliches Lächeln aus.

Bretten

Anreise

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln: von Karlsruhe oder Heilbronn aus mit der S-Bahn S4. Informationen über die Region gibt der Kraichgau-Stromberg Tourismus e. V. (ein Zusammenschluss kommunaler Fremdenverkehrsgesellschaften), Melanchthonstraße 32,
75015 Bretten, Tel.: 07252 / 96 33-0; www.kraichgau-stromberg.com

Melanchthonhaus Bretten

Melanchthonstraße 1, 75015 Bretten, 07252 /94 41-0 (Fax: -16), info@melanchthon.com; www.melanchthon.com. Besichtigungen von Mitte Februar bis Ende November außer montags: 14 -17 Uhr, am Wochenende auch 11-13 Uhr. Führungen ab fünf Personen nach Anmeldung bei der Stadtinformation ganzjährig möglich: 07252 / 95 76 20

Unterkunft und Essen

Hotel Krone, Marktplatz 2, 75015 Bretten. 07252 / 97 89-0 (Fax: -66); kontakt@krone-bretten.de; www.krone-bretten.de; Einzelzimmer ab 79 Euro, Aufpreis während des Peter- und Paulfestes (Wochenende nach dem 29. Juni)

Restaurant Schweizerhof, Melanchthonstraße 24, 75015 Bretten, 07252 / 96 47 47


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23