Mit Widmung vom Meister

Schülerinnen besitzen häufig ein Poesiealbum, in dem Freundinnen, Verwandte und Bekannte ihre Sprüche und Zeichnungen eintragen. Verslein sammeln - dieser Brauch kam schon bei den Reformatoren auf

Von Stefan Rhein

Alba Amicorum heißen die Bücher mit den zusätzlichen leeren Seiten, die man viele Jahrhunderte mit auf Reisen nahm und in die man handschriftliche Widmungen eintragen ließ. Auf Deutsch: Freundschafts-Alben - obwohl sich dort weniger Freunde als vielmehr prominente Personen verewigten. Sie schrieben nichts Persönliches, sondern meist Zitate aus antiken oder theologischen Quellen. Den Besitzern der Alben dienten die Einträge als Erinnerung. Und sie zeigten, mit was für gelehrten, hochrangigen Personen man Umgang hatte.

Der Brauch, solche "Stammbücher" anzulegen, entstand in den 1540er Jahren in Wittenberg, im Kreis um Luther und Melanchthon. Studenten und Besucher, die von weither nach Wittenberg kamen, wollten von Luther und Melanchthon einen eigenhändigen Text samt Unterschrift mitnehmen. Wie der Schüler aus Goethes "Faust", der seinen Lehrer (Mephistopheles) bittet: "Ich kann unmöglich wieder gehen, ich muss Euch noch mein Stammbuch überreichen, gönn Eure Gunst mir dieses Zeichen!" Worauf Mephistopheles einen lateinischen Sinnspruch einträgt.

Von Melanchthon sind zahlreiche Einträge in Stammbüchern überliefert. Sein enger Freund Joachim Camerarius berichtet: "Es begannen nämlich viele, durch seine sowie die Berühmtheit anderer getrieben, nach eigenhändigen Beischriften in ihren Büchlein zu verlangen, die sie vorweisen könnten. Und etliche trugen für diese Eintragungen zusammengebundene Blätter und Büchlein bei sich. Unglaublich ist es, wie viel Zeit und Mühe Melanchthon dafür aufgewendet hat." Wolfgang Ruprecht, evangelischer Pfarrer aus Eger, kam im Sommer 1550 nach Wittenberg, wohl um Vorlesungen zu hören. Auch er bekam eine Inschrift. Melanchthon dichtete ihm elegische lateinische Distichen (Zweizeiler) über das Wirken des Heiligen Geistes und signierte eigenhändig.

Zur Person

Wer war Philipp Melanchthon? Wie müssen wir ihn uns vorstellen? Als Theologe schrieb er die erste Systematik der neuen, reformatorischen Theologie.
Wunderkind hat man ihn gerufen und Martin Lutehr nannte ihn mit Vorliebe "den kleinen Griechen".

Spurensuche

Nicht nur in Deutschland hat Melanchthon seine Spuren hinterlassen und Kirche und Gesellschaft geprägt. Tipps und Hinweise für Reisen im Melanchthonjahr.

Confessio Augustana

Confessio Augustana, so nennen Fachleute das Augsburger Bekenntnis, das in jedem Kirchengesangbuch abgedruckt ist. In ihm legte Melanchthon den evangelischen Glauben 1530 vor dem Reichstag zu Augsburg dar. Nur: Versteht jemand diese Erklärung heute noch?

Bildung und Politik

Melanchthons Einflüsse auf Politik, Gesellschaft und Bildung sind auch heute noch deutlich erkennbar. Dass Gmynasien nach dem "Lehrer Deutschlands" benannt werden, ist da schon fast etwas Alltägliches.


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23