Melanchthons europäische Erben

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Ungarn

Dr. Zoltan Csepregi lehrt Kirchengeschichte an der Evangelisch- Lutherischen Theologischen Universität Budapest

Was Ungarn Philipp Melanchthon zu verdanken hat? Erstens Trost durch eine neue Geschichtsauffassung. Nachdem die Türken 1541 Ofen (Buda) erobert hatten, erweiterte Melanchthon seinen früheren Daniel-Kommentar und bearbeitete ihn neu (VD 16. M 3443-3445). Er hat dabei jede Möglichkeit ergriffen, um aktuelle Botschaften zu entsenden, zum Beispiel dass in diesem Greisenalter der Welt die Gerechten erhalten bleiben sollen, und dass Christus und seine Engel bei ihnen Wache stehen. In den Bemerkungen dazu schreibt er mehrmals über Pannonien. Er verweist auf Beschlüsse, mit denen der ungarische Landtag die Lutheraner verurteilte. Immer wieder tröstet er mit dem Versprechen Christi: "Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende."

Zweitens, indem er die Predigt durch Rhetorik befruchtete. Literaturhistoriker haben eingehend erwiesen, dass ein großer Teil der Predigtillustrationen der ungarischen Reformation aus Melanchthons "Locorum communium collectanea" (Hg. Johannes Manlius 1563, VD 16. M 604) entnommen ist. Man muss also nicht nur in der Theologie, sondern auch in der Rhetorik Melanchthons Einfluss auf Ungarn suchen.

Drittens das humanistische Schulsystem und das Erblühen des Späthumanismus. Im 16. Jahrhundert gab es über 125 evangelische Schulen im Königreich Ungarn, gegründet oder umgestaltet nach der melanchthonischen Schulordnung von 1528. Der Humanismus legte den Grund bei der Neugestaltung von Lehrplänen und pädagogischer Praxis, wobei neben der Beredsamkeit auch Frömmigkeit zum wichtigen pädagogischen Ziel erklärt wurde. Der "praeceptor" hat auch die literarische Kultur Ungarns neu belebt. Die Druckereien des Landes veröffentlichten mehr Ausgaben der Schriften Melanchthons als jedes anderen ausländischen Schriftstellers. Ungarns Humanisten sahen in seinen Werken Modelle für eigene literarische Aktivität.

Melanchtons europäische Erben

Weit über Deutschlands Grenzen hinaus wirkte der Lehrer Skandinaviens und Osteuropas. Was Ungarn, die Slowakei, Dänemark und Finnland ihm bis heute verdanken.

Zur Person

Wer war Philipp Melanchthon? Wie müssen wir ihn uns vorstellen? Als Theologe schrieb er die erste Systematik der neuen, reformatorischen Theologie.
Wunderkind hat man ihn gerufen und Martin Lutehr nannte ihn mit Vorliebe "den kleinen Griechen".


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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 10. August 2016 12:57