Anwalt der Verfemten

Erstaunlich, was der Historiker Ludwig Feilchenfeld da entdeckt hat: Philipp Melanchthon verteidigte Juden vor seinem Kurfürsten. Der Reformator aus jüdischer Sicht.

Von Klaus Herrmann

Keine Frage: Wo Philipp Melanchthon gegen Heiden, Papisten, Türken und Juden polemisiert, ist er ein Kind seiner Zeit. Antijüdische Äußerungen trifft man in seinen Schriften dennoch sehr selten an. Melanchthons Auslegung des Römerbriefs von 1522 weist gar in Richtung einer modernen Post-Holocaust-Theologie, die die bleibende heilsgeschichtliche Bedeutung Israels betont - ein Standpunkt, den Melanchthon später zurücknimmt.

In der jüdischen Geschichtsschreibung vor der Shoa spielt Melanchthon keine wichtige Rolle, schon gar nicht seine theologischen und exegetischen Arbeiten. Im 1927 erschienenen und damals von Juden viel benutzten Jüdischen Lexikon fehlt der Eintrag "Melanchthon". Martin Luthers erst pro-, dann antijüdische Haltung wird dagegen ausführlich behandelt. Von der auf 15 Bände angelegten Enzyclopaedia Judaica erschien 1934 der zehnte Band mit einem Luther-Artikel. Der elfte sollte einen zu Melanchthon enthalten, wegen der Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden wurde er nie fertig. Ansonsten loben Beiträge in renommierten jüdischen Zeitschriften Melanchthons Verdienst, "durch Einführung des Hebräischen in den Lehrplan der Universitäten und ... der höheren Schulen dessen Verbreitung ... ermöglicht zu haben."

Ein Beispiel, wie jüdische Gelehrte im 19. Jahrhundert Melanchthon wahrnahmen, ist der historische Roman "Rabbi Joselmann von Rosheim" des orthodoxen Rabbiners Markus (Meir) Lehmann. Er erschien in der orthodoxen Zeitschrift Israelit als Fortsetzungsserie, ab 1879/80 in mehreren Auflagen auch als Buch. 1957 wurde dieser Roman in Israel ins Hebräische übersetzt. Melanchthons jüdischer Zeitgenosse Josel von Rosheim, zu Beginn des 16. Jahrhunderts von Kaiser Maximilian I. zum Befehlshaber der Juden im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation eingesetzt, steht für ein sich mutig zur Orthodoxie bekennendes Judentum, das sich von seiner antijüdischen Umwelt nicht beirren lässt - auf die Zeit des Romanautors übertragen: von einem anwachsenden Antisemitismus im wilhelminischen Kaiserreich. Der Roman basiert auf einer historischen Vorlage. Darin berichtet besagter Rabbi Josel, wie der Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen 1536 ein Ausweisungsmandat gegen die Juden aus seinen Ländern erlässt. Im Roman disputiert Josel mit Joachim II. von Brandenburg, der an ein Gerichtsverfahren von 1510 gegen 38 Juden erinnert. Diese Brandenburger Juden, des Hostienfrevels angeklagt, wurden verbrannt, als sein Vater in Berlin regierte, alle übrigen Juden des Landes verwiesen. Völlig überraschend tritt nun ein Pfarrer vor. Er erzählt, wie er als Beichtvater damals mit den Beschuldigten und dem Ankläger gesprochen habe. Das vermeintliche Geständnis sei unter Folter erzwungen, der wirkliche Hostiendieb der christliche Kesselflicker Paul Fromm gewesen. Damals habe der Bischof ihm nicht erlaubt, das Beichtgeheimnis zu lüften. Infolge der Reformation sei er von dieser Verpflichtung aber jetzt entbunden.

Was Romanautor Lehmann nicht wusste, enthüllte 1898 der jüdische Gelehrte Ludwig Feilchenfeld: Den Justizmord hatte Melanchthon auf der Bundesversammlung zu Frankfurt 1539 aufgedeckt. Das belegt eine in Straßburg entdeckte Trostschrift von Josel von Rosheim an seine jüdischen Glaubensgenossen nach antijüdischen Attacken des Elsässer Reformators Martin Bucer. Ihm wird Melanchthon als Freund der Juden gegenübergestellt. Seit Feilchenfelds Entdeckung erwähnen jüdische Geschichtsschreiber immer wieder Melanchthons rühmliche Rolle in der Aufarbeitung des Berliner Justizmordes. So 1905 der Historiker Aron Ackermann in einer Studie über wirtschaftliche und sozialpolitische Motive des Justizmords von 1510. So Simon Dubnow in der 1927 veröffentlichten Weltgeschichte des jüdischen Volkes; Dubnow wurde 1941 beim Einmarsch der deutschen Truppen ins Baltikum ermordet. So der 1933 aus dem Schuldienst entlassene jüdische Lehrer Eugen Wolbe in einer Geschichte der Juden in Berlin und in der Mark Brandenburg von 1937.

1935 erwähnt der Schriftsteller Abraham Schwadron in der zionistischen Zeitschrift Palästina "ein Porträt mit dem polnischen Aufdruck: >Mendelson filosof<, ... in Wirklichkeit ein Bildnis von Melanchthon ". Ihn hatte sein Besitzer wohl mit dem berühmten jüdischen Aufklärer Moses Mendelssohn (1729 - 1786) verwechselt. Mit Melanchthon verband man zumindest nichts Negatives. Ein Porträt von Martin Luther hätte kaum unbemerkt in einem polnisch-jüdischen Haus hängen und von dort nach Jerusalem gelangen können.

Europäer und Weltbürger

Gelehrsamkeit und Toleranz, eine seltene Kombination in Zeiten religiöser und politischer Spannungen. Melanchthon verband beide Tugenden und wurde so zur wichtigsten Adresse für alle, die in Europa den Frieden suchten.

Melanchtons europäische Erben

Weit über Deutschlands Grenzen hinaus wirkte der Lehrer Skandinaviens und Osteuropas. Was Ungarn, die Slowakei, Dänemark und Finnland ihm bis heute verdanken.

Zur Person

Wer war Philipp Melanchthon? Wie müssen wir ihn uns vorstellen? Als Theologe schrieb er die erste Systematik der neuen, reformatorischen Theologie.
Wunderkind hat man ihn gerufen und Martin Lutehr nannte ihn mit Vorliebe "den kleinen Griechen".


EKD-Logo
Evangelische Kirche in Deutschland
Copyright ©2018 Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) | Datenschutz | Impressum
Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23