Europäer und Weltbürger

Gelehrsamkeit und Toleranz, eine seltene Kombination in Zeiten religiöser und politischer Spannungen. Melanchthon verband beide Tugenden und wurde so zur wichtigsten Adresse für alle, die in Europa den Frieden suchten.

Von Petra Bahr

"Wie heißt denn jetzt der berühmteste Schüler Melanchthons?", fragt ein amerikanischer Besucher in die Runde. Wir sitzen entspannt in der italienischen Eisdiele, die einen ordentlichen Espresso serviert. Den haben wir uns verdient nach einer dreistündigen Führung zu den wichtigen Stätten der Reformation. Kirchen, Museen, Geburtshäuser, Ecken, Plätze und Gassen - in Wittenberg erzählt jeder Stein ein Stück Reformationsgeschichte. "Na, Hamlet!", sagt Daniel wie aus der Pistole geschossen. Er ist ein gebildeter Jude aus New York und wundert sich, dass so ein kleines verschlafenes Städtchen Ausgangspunkt für einen weltgeschichtlichen Wendepunkt sein konnte. "Welcher Hamlet?", fragt eine deutsche Freundin irritiert. Mit der Antwort hatte sie nicht gerechnet: "Na der Hamlet von Shakespeare." Der dänische Prinzensohn als berühmter Student Melanchthons? Daniel, der Hamlet diesen Ehrentitel gibt, kennt natürlich den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Literatur. Shakespeare lässt seinen Prinzensohn aus Dänemark in Wittenberg studieren, bevor er ihn in die tragischen Ereignisse am väterlichen Hof verstrickt. Vermutlich trägt deshalb auch ein Haus im Ursprungsstädtchen der Reformation seinen Namen. Hamlet-Haus wird die ehemalige Börse auch genannt. Als wäre der traurige Held von einer Bühne direkt in eine Vorlesung Melanchthons gestolpert.

Auf die Idee könnte man also schon kommen, wenn man es mit den Jahrhunderten nicht so genau nähme. Shakespeare verlegt seine Hamletgeschichte ins 13. Jahrhundert. Da gab es in Wittenberg noch gar keine Universität. Er selbst lebt im 17. Jahrhundert, da ist Melanchthon schon lange tot. Aber Daniel, der amerikanische Jude, kennt sich aus in der europäischen Literatur. Er erzählt, dass der große englische Dramatiker, wie alle anderen, die etwas lernen wollten, vom Studenten bis zur Königin, mit den Lehrbüchern Melanchthons das Sprechen und das Denken lernten. Melanchthons Einführungen in Logik und Grammatik waren Klassiker. König Heinrich VIII. wollte Melanchthon sogar zum Umzug nach England bewegen. Die 100 Pfund für die Reisekosten hat der Monarch schon in den königlichen Haushalt eingestellt. Melanchthon auf einer Professur in Cambridge oder Oxford, das hätte damals gut gepasst und klingt heute noch schlüssig. "Einer der Könige der Bildung", wie ein Dichterkollege von Shakespeare, John Donne, einmal schrieb, beschrieb in hymnischen Worten, warum der Ruf Melanchthons in allen Ecken Europas so ausgezeichnet ist. "Ein Mann, sehr besonnen, bar jeder Streitsucht, ein Mann von höchster Gelehrsamkeit und Toleranz, wie es in unseren verderbten Zeiten keinen zweiten gibt." Doch der umworbene Professor bleibt Wittenberg treu. Daniel wittert aber noch eine andere Spur. Sie führt nach Dänemark.

Melanchthon hatte großen Einfluss auf die Reformation in Skandinavien. Es gibt sogar einen Briefwechsel zwischen dem dänischen König Christian III. und Melanchthon über die Neuorganisation von Schule und Universität in Kopenhagen. Die Verbindung zwischen Dänemark und Wittenberg muss Shakespeare sich gar nicht ausdenken. Wer was auf sich hält in den 30er und 40er Jahren des 16. Jahrhunderts, der geht nach Wittenberg, um bei Melanchthon zu lernen, wie die großen Ideen der Reformation mit den anderen Themen von Weltformat zusammenpassen: die Dichtung der Antike, die Geschichte und Geografie, Physik, Medizin und Astronomie. Luther wird als deutscher Kirchenreformer verehrt, aber Melanchthon ist der prägende Lehrer, den man im Gedächtnis behält.

"Wir sind zum wechselseitigen Gespräch geboren"

Der "kleine Grieche", wie sein Freund Luther ihn liebevoll spöttisch nennt, mag ein intellektuelles Wunderkind gewesen sein, aber der rastlosen Lust an der Vermittlung und Verbreitung der Idee von der freien Gnade Gottes und den Konsequenzen für den wissenschaftlichen, politischen und kirchlichen Alltag haben ihn zu einem Lehrer der Europäer werden lassen. Seine Einführung in die theologischen Grundbegriffe der reformatorischen Bewegung, die "Loci communes" werden in immer neuen Auflagen zu einem europäischen Bestseller, seine Überarbeitung des Chronicon, einer Universalgeschichte von Adam bis zu Karl dem Großen, wird in Genf genauso gründlich studiert wie in London oder Reykjavík. Sogar Fragmente seiner Gedichte und Gebete finden sich in vielen Nationalsprachen wieder. Von Island bis Italien, von Ungarn bis Frankreich prägt er die Leitbegriffe der religiösen Erneuerung.

Wenn Melanchthon im kollektiven Gedächtnis der Deutschen als Praeceptor Germaniae, als "Lehrer der Deutschen" abgespeichert ist, so erzählt dieser Ehrentitel allerhöchstens die halbe Wahrheit. Studenten aus aller Welt kommen nach Wittenberg, um Melanchthon zu hören. In einer Trauerrede rühmt ihn ein Schüler: "Um unseren Philipp zu hören, sind von allen Gegenden Deutschlands, was sage ich Deutschlands, vielmehr von fast allen Provinzen und Königreichen ganz Europas, aus Frankreich, England, Ungarn, Siebenbürgen, Polen, Dänemark, Böhmen, auch aus Italien, ja aus Griechenland zu allen Zeiten Studenten in großer Zahl nach Wittenberg geströmt, weil sie vom Ruf seines Namens angelockt wurden." Die unersättliche Wissbegier ihres Lehrers motiviert sie zu eigenem Denken, das auch im Widerspruch zu Melanchthon profiliert wird. Und weil Melanchthon nicht nur Theologie unterrichtet, werden seine Schüler Prinzenberater und Juristen, Baumeister und Schulgründer, Naturwissenschaftler und Ärzte.

Wir sollten uns Melanchthon dabei nicht als autoritären Vielredner vorstellen, der vor ehrfürchtigem Publikum doziert. Frontalunterricht, Kanzel und Katheder sind nur die herausgehobenen Orte seines Wirkens. "Wir sind zum wechselseitigen Gespräch geboren", hat er mal gesagt, als es um den Zusammenhang von Bildung und Religion ging. Diese beiläufige Bemerkung könnte ebenso auch als Motto über dem Leben Melanchthons stehen.

Fast zehntausend Briefe von ihm sind erhalten. Neben seinem Wissensdurst ist die Neugier des Herzens vielleicht Melanchthons größte Gabe: seine Fähigkeit zur Freundschaft. "Gelehrsamkeit und Toleranz", das ist offenbar eine seltene Kombination in Zeiten religiöser und politischer Umbrüche, in denen sich die Verhärtungen an allen Ecken und Enden Europas zu Bürgerkriegen verschärfen. Deshalb ist Melanchthon auch für Könige und Fürsten eine wichtige Adresse. Lange, bis weit in die 1540er Jahre sah es immer wieder so aus, als könnten die Spaltung der christlichen Kirche verhindert und Differenzen behoben werden. Melanchthon wurde deshalb immer wieder um Gutachten gebeten, die einen Ausweg aus dem gärenden Religionskonflikt zeigen sollten, der auch die politische Ordnung anhaltend erschütterte.

Diese religionspolitischen Gutachten sind im Rückblick nicht unumstritten. Zeigte Melanchthon nicht zu viel Toleranz, wenn er der katholischen Seite Zugeständnisse machte, zu denen auch der Fortbestand des Papstamtes - allerdings nach dem Vorbild der Apostel und der Kirchenväter, also gegenüber den Zuständen seiner Gegenwart gründlich reformiert - fortbestehen sollte? War die vielgelobte Toleranz im Grunde nichts als kompromisslerische Schwäche, ja, sogar Verrat an der grundstürzenden Einsicht der Reformation? Einige Angebote zur gütlichen Einigung der Konfessionen mag man heute merkwürdig finden, wie etwa die Vorstellung eines evangelischen Papstes. Aber wer sich die angespannte politische und religiöse Lage vergegenwärtigt, in der Melanchthon als Europäer lebte, wird sicher vorsichtiger sein in der Verurteilung der Versuche, den Frieden in Europa zu sichern. Melanchthon kann sich auf keinen gesicherten Außenposten zurückziehen, weder in den Elfenbeinturm noch in einen Wittenberger Pfarrhausgarten.

"Ob die Mahometaner eine Sekte der Kirche Gottes sind?"

Er ist ein genauer Beobachter der politischen Entwicklungen und bemerkt schon früh, dass die konfessionellen Konflikte für das politische Kalkül machtorientierter Herrscher gerade recht kommen. So manch ein Monarch hat mehr Interesse an einer kriegerischen Eskalation als an der Einigung der Christenheit, das sieht der Reformator genau. Als geschichtskundiger Antikekenner findet er schnell Vergleiche zu den zynischen Machthabern seiner Gegenwart. Neros gibt es immer, sagt er einmal sinngemäß. Über die Feder ist er nicht nur mit vielen Zeitgenossen verbunden. Er erfährt auch von den Gefährdungen, von regionalen Scharmützeln, von theologischen und von politischen Streitigkeiten. Die großen Sorgen um die Zukunft Europas ziehen mit den jungen Europäern aus aller Welt nach Wittenberg.

Der große Esstisch im Hause Melanchthons ist deshalb auch so etwas wie ein runder Tisch, an dem beileibe nicht nur Fragen der Kirchenreform diskutiert werden. Laut wird es zwischendurch gewesen sein, wenn lauter meinungsstarke Männer sich über die Lage von Kirche und Welt austauschen. Auch in Latein kann man sich gegenseitig beschimpfen. Denn Latein ist die Sprache, die das unablässige Gespräch Melanchthons überhaupt erst ermöglicht. Das Sprachgewirr beim Mittagessen beschreibt er einmal selbst. Anlässlich eines Besuches von Bartholomäus Georgievitz, einem slowenischen Abenteurer, erzählt er, wie es hoch hergegangen sei bei ihm in der Wohnstube. "Latein und Griechisch, Hebräisch und Ungarisch, ja sogar Türkisch und Arabisch " sei zu hören gewesen, als die Gäste aus aller Herren Länder die Erlebnisse des reiselustigen Slowenen diskutieren.

Nachrichten aus dem islamischen Machtbereich erreichten Melanchthon regelmäßig. Freunde und Schüler reisten als Fürstenbegleiter oder Diplomaten nach Venedig, dem Hauptumschlagplatz für Informationen aus dem expandierenden islamischen Herrschaftsgebiet. Theologen aus Pannonien und Ungarn konnten aus eigener Erfahrung berichten. Hier stießen Protestanten mit Muslimen zusammen. Neben den konfessionellen Konflikten wurde nämlich in europäischen Ländern auch die Auseinandersetzung mit dem Islam zunehmend politisiert. Teilweise wurden sogar beide Konflikte vermischt - eine besonders brisante Angelegenheit.

Melanchthons Haltung war zwiespältig. Er setzte sich zwar für eine lateinische Übersetzung des Korans ein, allerdings nicht, weil er sich intensiver mit den religiösen Quellen der fremden Religion auseinandersetzen wollte, wie es manche humanistische Gelehrte seiner Generation forderten, um das, was da wie ein Dämon von den Toren und Stadtmauern Europas lauerte, besser zu verstehen. Melanchthon glaubt fest, dass mit der Koranübersetzung die teuflische Macht des Islam offensichtlich würde. "Die Übersetzung des "schändlich, verflucht, verzweifelt Buch voller Lügen, Fabeln und aller Greuel" sollte Mohammed und seine Nachkommen "verdrießlich stimmen". Und dann finden sich in Melanchthons Postillen wieder überraschend positive Urteile über den Islam. Einmal überlegt er, "ob möglicherweise die Mahometaner eine Abspaltung von der Kirche Gottes seien".

Immer wieder versuchen Herrscher, die Einigung der Konfessionen mit dem gemeinsamen Kampf gegen die vorrückenden Muslime zu begründen, eine Argumentation, die Melanchthon teilt. Schon im Jahr 1529 widmet er König Ferdinand, der zu einem vereinten Schlag gegen die Bedrohung aus dem Osten ansetzen will, seinen Kommentar zum Buch Daniel. Ein Jahr zuvor hat der Sultan Ungarn eingenommen und liegt nun mit seinem Heer vor Wien. Gräueltaten an der Zivilbevölkerung machen die Runde. Melanchthons geschichtspolitische Auslegung unterstützt deshalb den militärischen Einsatz gegen den "Antichristen aus dem Orient". Die islamische Bedrohung wird allerdings nicht immer ganz wörtlich genommen. Im rhetorischen Gemetzel wird der theologische Gegner auch schon mal zum "Türken". So sind den Katholiken die Protestanten die orientalischen Irrlehrer, während die Protestanten mit Melanchthon schon mal im Islam eine besonders fiese Verkleidung der römischen Häresie vermuten. "Du Türcke" wird so zum ultimativen Schimpfwort im Streit der Konfessionen.

Die inneren und äußeren Bedrohungen begleiten Melanchthon als Lebensthema, das in allen anderen Themen aufscheint. Wenn es um das Verständnis der Taufe geht oder um die Frage von Recht und Gerechtigkeit, um die Zukunft der Bildung oder ob man Bilder in Kirchen hängen darf, bei Melanchthon geht es immer auch um die friedliche, menschliche Zukunft Europas. Deshalb ist die verzweifelte Feststellung dieses leidenschaftlichen Europäers aus dem Geiste des Evangeliums auch heute aktuell: "Communis salus Europae postponitur rebus privatis." "Das gemeinsame Wohl Europas wird dem Eigennutz geopfert."

Melanchtons europäische Erben

Weit über Deutschlands Grenzen hinaus wirkte der Lehrer Skandinaviens und Osteuropas. Was Ungarn, die Slowakei, Dänemark und Finnland ihm bis heute verdanken.

Anwalt der Verfemten

Erstaunlich, was der Historiker Ludwig Feilchenfeld da entdeckt hat: Philipp Melanchthon verteidigte Juden vor seinem Kurfürsten. Der Reformator aus jüdischer Sicht.

Zur Person

Wer war Philipp Melanchthon? Wie müssen wir ihn uns vorstellen? Als Theologe schrieb er die erste Systematik der neuen, reformatorischen Theologie.
Wunderkind hat man ihn gerufen und Martin Lutehr nannte ihn mit Vorliebe "den kleinen Griechen".


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23