Erst Ermutigung, später Trost

Der Vers über dem Portal zu Melanchthons Geburtshaus gilt auch als das Bekenntnis dieses Reformators. Der Abschnitt, aus dem er stammt, ist üblicherweise die Epistellesung für den Altjahrsabend. Die folgende Predigt nimmt diesen Vers auf, ist aber für einen Gottesdienst zu Melanchthons Todestag (19.4.) oder zum Reformationssonntag (31.10.) gedacht.

Von Martin Schneider

Liebe Gemeinde,

manche Worte begleiten uns ein Leben lang. Für viele unter uns sind das Bibelworte wie der Konfirmationsspruch oder Trauspruch. Wir verbinden sie mit bestimmten Ereignissen und Situationen in unserem Leben. Das Wort, das als Melanchthons Bekenntnis überliefert wird, hat auch seine Geschichte. Zunächst einmal ist es jenem berühmten Abschnitt im 8. Kapitel des Römerbriefs entnommen, in dem sich Paulus am Ende seiner Ausführungen über die Gottesgerechtigkeit in einen Lobpreis hineinsteigert, einen Lobpreis der Liebe Gottes. Man spürt, hier schlägt das Herz des Apostels, hier sind wir ganz nahe am Zentrum, an der Mitte des Evangeliums, das von Anfang an seit den Zeiten der Apostel die Welt bewegt und verändert. Uns bewegt heute die Frage: Wie ist dieses Bibelwort zu Melanchthons Bekenntnis geworden; wo ist es ihm begegnet und wie hat es auf ihn gewirkt? Dann fragen wir auch, wie es auf uns Hörende oder Lesende heute wirkt.

Der junge Melanchthon hört in diesen Worten des Apostels Paulus den Kern der Botschaft, die auch sein Leben verändert hat. Aus dem jungen und aufstrebenden Professor für Griechisch ist ein leidenschaftlicher Leser und Lehrer der Bibel geworden, der durch Martin Luther angeregt und begeistert seinen Weg gefunden hat, der ihm nicht nur neue Freunde, sondern auch Gegner und Feinde brachte.

Auffällig sind im Abschnitt Römer 8,31-39 die vielen Fragen: Wer kann gegen uns sein? Wie sollte Gott uns mit seinem eigenen Sohn nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten beschuldigen? Wer will verdammen? - Jede Frage deutet an, dass man sich hier inmitten einer stürmischen Auseinandersetzung befindet. Paulus erlebte sich selbst als Beschuldigter, Angeklagter und Opfer. Dabei hat er nicht nur seine irdischen Gegner im Blick, sondern jene Mächte und Gewalten, die bis zuletzt noch und auch vor Gottes Thron unser Heil und unsere Seligkeit bestreiten und verhindern wollen. So schreibt er im Brief an die Christen in Korinth vom Tod als dem letzten Feind. Wo von der Liebe Gottes so leidenschaftlich und stark die Rede ist, da werden auf der anderen Seite auch jene dunklen Mächte benannt mit ihrer Absicht der Verneinung und Vernichtung. Nur dort wird die Liebe Gottes in ihrer ungeheuren Tragweite und Tiefe erkannt, wo man nicht verschweigt, dass sie, um zum Ziel zu gelangen, alles riskieren und alles geben musste. In der Hingabe seines Sohnes hat Gott alles gegeben. Der junge Melanchthon hat dieses Wort in einer Zeit der Auseinandersetzung für sich entdeckt. Zunächst in den stürmischen Anfangsjahren der reformatorischen Bewegung: In einem Brief aus dem Jahr 1520 an den Pforzheimer Schulfreund Johann Schwebel erfahren wir etwas von seiner Begeisterung für die Theologie, von seiner Bewunderung für Luther und dann schreibt er: Die Hefe der Romanisten fürchten wir nicht, wenn Gott für uns ist, wer mag wider uns sein? Er hatte keine Angst vor den Gegnern, die schon damals mit äußerster Härte gegen Luther und die Seinen vorgingen. Das klingt mutig, vielleicht zu mutig, nach dem Motto viel Feind, viel Ehr. Er konnte damals nicht wissen, was auf ihn zukommen würde. Er fühlte sich in seiner Begeisterung all jenen überlegen, die ein altes System mit allen Mitteln verteidigten.

Zehn Jahre später klingt das schon ganz anders. Während der entscheidenden Verhandlungen auf dem Reichstag von Augsburg wird Melanchthon im Juli 1530 vor den Kardinal Campeggio zitiert und unter Druck gesetzt. Nun weiß er, was auf dem Spiel steht; er hatte alles getan, um den Vertretern der Papstkirche eine Brücke zu bauen, und nun erfährt er, dass dort niemand bereit ist, das Anliegen der

Reformation wirklich ernst zu nehmen; im Gegenteil man droht mit Gewalt. Da, so berichtet Freund Örtel in seiner Rede am Grabe Melanchthons, da habe er unter Zittern und Zagen, auf dieses Wort verwiesen. Wir befehlen uns und unsere Sache Gott an. Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?

Ein letztes Mal, 30 Jahre später, zwei Nächte vor seinem Tod begegnet ihm dieses Wort wieder im Traum, und er versteht es als Trost angesichts des nahenden Endes. Als Trost auch angesichts der leidvollen Erfahrungen mit der Spaltung der Christenheit und dem Streit in den eigenen Reihen. Er darf es hören als einen starken Zuspruch auf dem Weg in das Sterben. Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?

Auf dem Tympanon über dem Schmuckportal des Melanchthonhauses präsentiert ein Engel zwei Wappenschilde; in der Linken hält er das Familienwappen, das Wappen des Vaters, des Kurpfälzer Rüstmeisters Georg Schwarzerdt aus Bretten, der schwer an den Folgen eines Kriegseinsatzes leiden musste und mit seinem Glauben dem Sohn ein Leben lang Vorbild war. Auf der anderen Seite, in seiner Rechten, hält der Engel das rätselhafte Wappen mit der Schlange am Kreuz, das Wappen Melanchthons. Das uns daran erinnert, dass wir aufschauen sollen zu dem, der mit seinem Opfer Gottes Liebe zum Sieg geführt hat. Darunter ein Schriftband mit der Aussage und Frage, die sich gleichsam an den Betrachter, also an uns heute richtet: Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?

Wenn es denn stimmt, dass Gott in Jesus Christus für uns ist, was sollen wir dann fürchten? Die Frage bezieht sich nicht auf das Bekenntnis; dass Gott für uns ist, hat er bewiesen. Die Frage ist, warum wir uns fürchten, wenn uns doch nichts von der Liebe Gottes scheiden kann. Antworten darauf gibt es mehrere. Sie führen aber letztlich alle zurück zum Bekenntnis und ob es denn wirklich gilt.

Sind es die Argumente jener, die alle Religion als Vernunft- und letztlich menschenfeindlich verwerfen? Sind es Zweifel in den eigenen Reihen, ob denn dies alles, also das Opfer und die Hingabe Jesu notwendig gewesen ist? Ist es die leidvolle Erfahrung, dass auch heute noch, 450 Jahre nach Melanchthons Tod, die Trennung der Christenheit nicht überwunden ist? Sind es eigene Erfahrungen mit Leid und Krankheit oder persönliche Niederlagen und Katastrophen? Jede Zeit und jede Generation erlebt das aufs Neue, wie der Glaube an die rettende und heilende Liebe Gottes infrage gestellt wird.

Nicht so selbstbewusst wie beim jungen Melanchthon, sondern eher bescheiden und darum überzeugend begegnet uns ein solches Bekenntnis da und dort auch heute; vielleicht aus dem Mund eines Schwerkranken, der den Besucher an seinem Krankenbett mit der Aussage überrascht: Ich habe keine Angst vor dem Sterben, ich glaube an das ewige Leben. Oder dort, wo sich Menschen ein Leben lang gegen alle Widerstände und Enttäuschungen für die Einheit der Christen einsetzen. Auch da kämpft man ja nicht einfach gegen Dummheit oder Eigensinn, da geht es um Macht, und was steht hinter der Macht? Jene Mächte und Gewalten, die kein gelehrter Diskurs, sondern nur die Kraft des Auferstandenen selbst überwinden kann, der als der gute Hirte die Seinen sammelt. So ist also auch der Glaube an die eine Kirche ein Bekenntnis angesichts und entgegen vieler, scheinbar unüberwindlicher Fakten.

Nehmen wir dieses Wort mit als Zuspruch auf unseren Weg mit all seinen Rätseln und Fragezeichen und lassen uns darin stärken durch das Beispiel aller, die uns im Glauben vorausgegangen sind.

Amen.

Confessio Augustana

Confessio Augustana, so nennen Fachleute das Augsburger Bekenntnis, das in jedem Kirchengesangbuch abgedruckt ist. In ihm legte Melanchthon den evangelischen Glauben 1530 vor dem Reichstag zu Augsburg dar. Nur: Versteht jemand diese Erklärung heute noch?

Ein fiktives Drehbuch

Als Melanchthon das Augsburger Bekenntnis verfasste, lasteten ein riesiger politischer Druck und theologische Verantwortung auf ihm. Ein fiktives Drehbuch erzählt davon. Stellen Sie sich die Szenen als Film vor, als Kino im Kopf.


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23